Zwergkaninchen und ihre Grundbedürfnisse

 

Wie ihre Haltung Mensch und Tier über Jahre Freude bereiten kann.
von Ruth Morgenegg

 

Die Lebenserwartung von Kaninchen liegt bei etwa 10 Jahren. Damit sie so alt werden, benötigen sie allerdings ein optimales Umfeld, zu dem Sozialkontakt genauso zählt wie ein Gehege, das ihrer Art entsprechend eingerichtet ist, und viel Pflege. Um diese Rahmenbedingungen zu schaffen, orientieren wir uns an ihren Grundbedürfnissen und ihrer ursprünglichen Lebensweise.

Grundbedürfnisse

Wilde Kaninchen leben in grossen Gruppen zusammen und sind eng aufeinander bezogen. Zwergkaninchen, auch wenn sie fälschlicherweise oft Häschen oder Zwerghasen genannt werden, sind normale Kaninchen und haben die gleichen Anlagen und Bedürfnisse. Weder ein Mensch noch ein artfremdes Tier wie etwa ein Meerschweinchen können ihr Verlangen nach Artgenossen stillen. Zu ihren Grundbedürfnissen zählen Graben, Nagen, Hakenschlagen und vieles mehr. Kaninchen verfügen grundsätzlich über einen starken Bewegungsdrang und springen aus dem Stand in erstaunliche Höhen. Die Tiere sind vorwiegend nachtaktiv und leben in der freien Natur in grossen Höhlensystemen, die ihnen Schutz vor Feinden und der Witterung geben. Gleichzeitig lieben sie erhöhte Flächen, von welchen aus sie den Überblick haben.

Familienstruktur

Die erfolgreiche Zusammenstellung einer Kaninchengruppe hängt weniger von Zahl und Geschlecht der Tiere ab als vom Charakter der einzelnen Kaninchen. Weibchen können in der Brunstzeit heftig aufeinander losgehen. Männchen sollten vor der Geschlechtsreife kastriert werden. Kaninchen können bereits im Alter von zehn Wochen geschlechtsreif werden und bekommen oft sehr viel Nachwuchs aus einem einzigen Wurf.

Achtung: Die Neueingliederung von weiteren Tieren ist meist mit viel Stress für Mensch und Tier und grossem Aufwand für den Tierfreund verbunden. Kaninchen sind sehr territorial und hierarchisch veranlagt und oft sehr schwer zu verstehen. Trotzdem gibt es nie eine Rechtfertigung für Einzelhaltung. Eine Neuanpassung will einfach sehr gut vorbereitet sein - auch mental - damit alle Beteiligten die nicht selten langwierigen, aber normalen Rangordnungskämpfe in der Anpassungszeit gut überstehen.

Außenhaltung

Kaninchen sind keine Schönwettertiere, sie kommen mit den Witterungsverhältnissen in unseren Breitengraden gut zurecht, wenn wir sie sinnvoll unterstützen. Um Kaninchen ganzjährig im Freien zu halten, braucht es ein stabiles Gehege, in dem sich die Tiere stets frei bewegen und ihren Grundbedürfnissen nachgehen können. Es sollte für zwei bis drei Tieren mindestens sechs Quadratmeter messen, ein- und ausbruchsicher sowie begehbar sein. Die praktische Handhabung steht im Vordergrund. Die Fütterung und Beobachtung sowie die Reinigung und regelmässige Neugestaltung des Geheges benötigen ohnehin schon viel Zeit.

Jedes noch so grosse Gehege ist langweilig, wenn es nicht den Bedürfnissen dieser Tierart entsprechend eingerichtet ist. Eine optimale Einrichtung besteht aus einer winterfesten Hütte, die ausserhalb gestellt steht und mit dem Gehege verbunden ist, einigen seitwärts gekippten Harrassen mit Schutzdach, Erdhügeln zum Graben, erhöhten trockenen Flächen usw. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, um den Tieren eine möglichst naturnahe Umgebung nachzugestalten. Hütte und Unterschlüpfe werden täglich mit viel frischem, trockenem Heu eingestreut.

Innenhaltung

In einem handelsüblichen Käfig ist artgerechte Haltung nicht möglich. Um das Bedürfnis der Kaninchen nach Bewegung angemessen zu berücksichtigen, muss ihnen in der Innenhaltung ein ganzes Zimmer oder zumindest ein Teil davon als Lebensraum zur Verfügung stehen. Dabei wird einfach eine Ecke des Zimmers zur eigentlichen Kaninchenecke umfunktioniert.

Mit  Gitterelementen lässt sich so schnell ein Gehege zusammen stellen, dass ohne weiteres 2,5x2,5m messen kann. Mehr Platz ist natürlich immer besser für die Tiere!

Mit etwas Phantasie und  Engagement lassen sich Kaninchen auch drinnen annähernd artgerecht halten.

Gehegeausstattung

Der Gehegeboden wird bei Aussen- und Innenhaltung wöchentlich neu mit saugkräftiger Rindeneinstreu erneuert. Der Kot wird täglich entfernt, um Darmparasiten und anderen Krankheiten vorzubeugen. Strukturiert wird das Gehege regelmässig neu mit frischen natürlichen Materialen aus dem Wald. Dazu eignen sich Tannenäste, Rinden, Wurzelstücke und Ähnliches. Es liegt an uns, die Tiere zur Bewegung zu animieren. In ungenügend strukturierten oder immer gleich eingerichteten Gehegen wird es Kaninchen schnell langweilig. Sie werden träge, ihre Muskeln verkümmern und Krankheiten haben ein leichtes Spiel. Zudem streiten unterbeschäftigte Tiere öfters.

Fütterung

Kaninchen haben eine heikle Verdauung. Deshalb ist gutes Heu im Übermass lebensnotwendig. Es wird morgens täglich sehr viel frisches Qualitätsheu gereicht, um Blähungen und Magenüberladungen vorzubeugen. Der Darm muss erst in Schwung kommen, bevor gegen Mittag eine Grünfütterung in Frage kommt. Fastentage sind bei allen Pflanzenfressern lebensbedrohlich. Ein Kaninchen, das nicht frisst, ist ein Notfall und muss umgehend zum Tierarzt gebracht werden. Mehr zur Fütterung hier.

Die artgerechte Haltung und Beobachtung von Kaninchen ist eine sehr anspruchsvolle und aufwändige Arbeit - insbesondere für Kinder. Oft verebbt der anfängliche Enthusiasmus schnell, und die Arbeit bleibt an den Eltern hängen. Die Erwachsenen sollten deshalb auch selbst bereit sein, sich um die Tiere zu kümmern und ihnen ein tiergerechtes Leben zu ermöglichen - mit allem was dazu gehört.

Wichtige Rahmenbedingungen

  • Keine Einzelhaltung - der Sozialkontakt zu Artgenossen ist unabdingbar     
  • Genügend grosser und abwechslungsreich gestalteter Lebensraum, der zur Bewegung animiert und die Instinkte der Tiere weckt
  • Täglich natürliche Nagematerialien aus dem Wald und Garten
  • Geeignete Hütte, Nischen und erhöhte geschützte Ebenen 

 

Die tiergerechte Haltung von Kaninchen fordert einiges von uns. Doch unser Einsatz für das Wohl der Tiere und unser Respekt gegenüber ihren Bedürfnissen wird verdankt - mit munterem Treiben als Ausdruck purer Lebensfreude, die bei diesem Anblick gleich auf einen überspringt. Und dann haben doch alle gewonnen. Freude ist Lebensqualität – auch für uns!

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Kleintierkäfige/Gehege gehören nicht ins Kinderzimmer. Bitte liebe Eltern lest diesen Beitrag!